Kinderschutz - Nur Menschen bilden ein starkes Netz
von Jugendstadträtin Gabi Vonnekold, veröffentlicht im <link internal-link internal link in current>Stachel Nr. 160
Seit Wochen ist der Kinderschutz Thema in allen Zeitungen. Immer wieder werden erschreckende Beispiele dafür bekannt, dass Kinder schwer misshandelt oder vernachlässigt werden. Danach stellt sich regelmäßig die Frage, warum konnten diese schlimmen Fälle nicht verhindert werden? Noch viel zu häufig gilt die Art, wie Eltern ihre Kinder behandeln, als Privatsache - aber Kinder haben Rechte, die auch die Eltern nicht einfach verletzen dürfen. Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung und darauf, angemessen versorgt zu werden. Deshalb ist es wichtig, zu reagieren, wenn ein Kind erkennbar schlecht behandelt wird. Dies gilt für Verwandte, Freunde der Familie, Nachbarn, aber auch für Kinderärzte und Kinderärztinnen, Krankenhäuser, Kitas, Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen und die Polizei. Mit dem "Netzwerk Kinderschutz", das der Senat auf den Weg gebracht hat und das gegenwärtig in der Presse als Allheilmittel erscheint, wird in erster Linie die Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen verbessert und es werden sicherlich mehr Fälle bekannt, die jetzt noch in der Grauzone des Privaten versteckt sind. Damit erhalten die Jugendämter die Chance, rechtzeitig zum Wohle der Kinder eingreifen zu können.
Um sinnvoll und vor allem schnell reagieren zu können, brauchen die Jugendämter allerdings auch eine ordentliche Personalausstattung, denn mit den neuen Regelungen wird die Zahl der bekannten Kinderschutzfälle weiter ansteigen. Das muss man wissen und auch wollen! Wenn es gelingt, den Graubereich aufzuhellen, werden viel mehr Maßnahmen notwendig, um den betroffenen Kindern helfen zu können. Um dann sicherzustellen, dass die Maßnahmen, die ergriffen werden, geeignet sind, um Gefahren abzuwenden und die weitere Entwicklung des Kindes zu fördern, und dabei noch einigermaßen kostengünstig sind, braucht es ausreichendes und gut ausgebildetes Personal. Schon heute arbeiten die zuständigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter unter allergrößtem Druck. Eine weitere Belastung mit zusätzlichen Fällen würde zwangsläufig dazu führen, dass die Qualität der Arbeit leiden müsste. Eine Verbesserung der Personalsituation vor Ort ist aber beim "Netzwerk Kinderschutz" nicht vorgesehen. Auch wenn Berlin einem starken Zwang zum Sparen unterliegt, den niemand ernsthaft abweisen kann, muss es doch erlaubt sein, zu fragen, ob es sich Berlin leisten darf, auf Kosten der allerschwächsten seiner Bürger_innen, der vernachlässigten und misshandelten Kinder zu sparen. Wer die Situation dieser Kinder wirklich verbessern will, muss wissen, dass das nicht zum Nulltarif zu haben sein wird.
Im Augenblick sind Verbesserungen in der Personalsituation der Mitarbeiter_innen im Kinderschutz unseres Bezirkes nur in winzigen Schrittchen durch Umschichten im Neuköllner Jugendetat möglich, ohne an anderen wichtigen Stellen größere Löcher aufzureißen, z. B. bei Kinder- und Jugendeinrichtungen, Fördermaßnahmen für Jugendliche mit Bildungsdefiziten oder der Gewaltprävention. Diese Situation hat das Neuköllner Jugendamt veranlasst, gemeinsam mit dem Zentralen Stellenpool des Senates ein Modellprojekt aufzulegen, das am 01. März 2007 gestartet ist. Acht pädagogische Mitarbeiter_innen aus dem Kitabereich werden vom Zentralen Stellenpool zur Verfügung gestellt, um die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Kinderschutz zu unterstützen. Diese sind zwar kein Eratz für zusätzliche Sozialarbeiter_innen, aber eine sinnvolle Ergänzung. Sie bringen umfassende Erfahrungen im Umgang mit Kindern und der Beurteilung der altersgemäßen Entwicklung, in der Beratung von Eltern und im Kontakt mit Kindertagesstätten ein. Zusätzlich werden sie gezielt weitergebildet und geschult, um eine wirkliche Entlastung für die Sozialarbeiterteams sein zu können. Dieses hoffentlich erfolgreiche Modellprojekt ist ein weiterer Schritt, um die Lebensbedingungen von Kindern zu verbessern. Diesem Schritt müssen aber weitere folgen, wenn Kinderschutz nicht nur auf dem Papier ein wichtiges Ziel bleiben, sondern gelebte Wirklichkeit werden soll.
