Kleine Anfrage (KA/028/XIX): Zustand der Bäume und der Baumpflege im Bezirk Neukölln
Fragesteller: <link internal-link internal link in current>Wagner, Heinz
Eingang: 28. Juni 2012
Beantwortet: 18. Juli 2012
Zustand der Bäume und der Baumpflege im Bezirk Neukölln
Jahr für Jahr wird der Baumbestand in Berlin stark reduziert und durch unsachgemäße Pflegeeingriffe nachhaltig geschädigt. Gründe sind u.a. fehlende finanzielle Mittel und der Abbau des Personals auf Bezirksebene. Wie hat sich die Situation der Bäume, besonders die der Straßenbäume, in unserem Bezirk im Jahr 2011 entwickelt?
Ich frage hierzu das Bezirksamt:
- Wie viele Straßenbäume wurden im Bezirk im Jahr 2011 gefällt und nachgepflanzt? Wie hoch ist die aktuelle Zahl der Straßenbäume im Bezirk?
- Wird die Gesamtzahl der Straßenbäume im Bezirk auch noch durch andere Faktoren als Fällungen und Neupflanzungen beeinflusst? Wenn ja, welche Faktoren sind das?
- Gibt es im Bezirksamt ein digitales Baumkataster und welches Produkt wird genutzt? Wie viel Prozent der Straßenbäume im Bezirk sind in diesem Kataster erfasst? Wenn noch nicht der komplette Bestand erfasst ist, wann wird die Erfassung voraussichtlich abgeschlossen sein?
- Werden nur Straßenbäume oder auch Bäume in Parks und Grünanlagen in das Kataster aufgenommen? Wie viel Prozent der Bäume in Parks und Grünanlagen sind bereits erfasst?
- Werden Baumpflanzung, -pflege und -kontrolle im Bezirk durch das eigene Personal durchgeführt? Wenn ja, wie viele Leute umfasst das Team?
- Mit welchen Mitteln wurden Straßenbaumpflanzungen im Jahr 2011 bezahlt? Wie hoch ist der jeweilige Anteil an bezirkseigenen Mitteln, Spendengeldern und Geldern aus Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen?
- Wie hoch ist der jährliche Etat für die gesamte Grünflächenpflege im Bezirk? Wie viel wird hiervon für Straßenbaumpflanzung und -pflege verwendet?
- Welche zusätzlichen Mittel bzw. Personal würden sie jährlich benötigen, um die Defizite bei der Straßenbaumpflanzung und -pflege auszugleichen und das erforderliche fachliche Niveau nachhaltig zu sichern?
- Gibt es im Bezirk ein Schadmonitoring für Straßenbäume? Wie hoch ist der prozentuale Anteil des Gesamtbestands an den jeweiligen Zustandsbewertungs- bzw. Schadensklassen? Wie viel Prozent der Straßenbäume sind in ihrer Vitalität stark und sehr stark eingeschränkt?
- Wie viele Straßenbäume verfügen über technische Schutzeinrichtungen des erdnahen Stammbereichs bzw. der Baumscheibe?
- Wie hoch ist der prozentuale Anteil von 2011 durchgeführten Fällungen durch langfristige Schäden im wurzelnahen Bereich?
- Welche finanziellen Mittel hat der Bezirk im Jahr 2011 für besondere Schutzeinrichtungen von Stammfuß und Baumscheibe aufgewendet?
Antwort des Bezirksamtes:
Sehr geehrter Herr Wagner,
1. Wie viele Straßenbäume wurden im Bezirk im Jahr 2011 gefällt und nachgepflanzt? Wie hoch ist die aktuelle Zahl der Straßenbäume im Bezirk?
Im Jahr 2011 wurden 145 Bäume gefällt und 79 Bäume nachgepflanzt. Danach lag der Straßenbaumbestand Neuköllns mit Stichtag 31.12.2011 bei 20.487 Stück. Der aktuelle Straßenbaumbestand Neuköllns liegt mit Stichtag 30.06.2012 bei 20.472 Stück.
2. Wird die Gesamtzahl der Straßenbäume im Bezirk auch noch durch andere Faktoren als Fällungen und Neupflanzungen beeinflusst? Wenn ja, welche Faktoren sind das?
Die Gesamtzahl der Straßenbäume wird einzig und allein durch Fällungen und Nachpflanzungen beeinflusst, andere Faktoren sind ausgeschlossen, weil insbesondere im Straßenland kein Baum seinen „natürlichen“ Tod sterben und damit einfach umstürzen darf.
Die Gründe für Fällungen sind allerdings mannigfaltig. Hier sind insbesondere das natürliche Alter, Krankheiten, Schädlinge, Verschlechterung der Vitalität durch negative Umwelteinflüsse oder mangelnde Pflege wie z.B. auch durch fehlendes Wässern, private Bauvorhaben und insbesondere auch öffentliche Bauvorhaben, deren Beeinträchtigungen signifikant durch die Leitungsverwaltungen verursacht werden, zu nennen. Die Gründe für Neupflanzungen können beispielsweise Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen im Rahmen privater oder öffentlicher Bauvorhaben, Sonderprogramme oder auch Baumspenden sein.
Die Anzahl der Neupflanzungen hat sich gegenüber den Vorjahren aufgrund der weitestgehenden Privatisierung reduziert, weil die Kosten für die Anwachspflege von Firmen realisiert und bezahlt werden müssen. Denn eine Pflanzung bedeutet auch, insbesondere in den ersten Standjahren, dass umfassende lebensnotwendige Tätigkeiten für einen dauerhaften Baumstandort angestrengt werden müssen.
3. Gibt es im Bezirksamt ein digitales Baumkataster und welches Produkt wird genutzt? Wie viel Prozent der Straßenbäume im Bezirk sind in diesem Kataster erfasst? Wenn noch nicht der komplette Bestand erfasst ist, wann wird die Erfassung voraussichtlich abgeschlossen sein?
Es gibt für den gesamten Straßenbaumbestand des Bezirks eine digitale Erfassung mit Hilfe des in Berlin bisher genutzten Programms GAIA. Zum Ende des Jahres 2012 bzw. ab 2013 soll in Berlin das Programm GAIA durch das Programm Pit-Kommunal ersetzt werden.
3a. Werden nur Straßenbäume oder auch Bäume in Parks und Grünanlagen in das Kataster aufgenommen? Wie viel Prozent der Bäume in Parks und Grünanlagen sind bereits erfasst?
Nach der geltenden Verwaltungsvorschrift sind alle Bäume Berlins digital zu erfassen. Die Registrierung erstreckt sich auch auf jedwede Bäume in Parkanlagen, Schulen, Jugendeinrichtungen und anderen öffentlichen Bereichen. Diese Ersterfassung ist sowohl zeitaufwendig als auch personalintensiv. Neukölln hat jedoch etwa 75 % des Gesamtbestands der auf öffentlichen Flächen befindlichen Neuköllner Bäume erfasst.
4. Werden Baumpflanzung, -pflege und -kontrolle im Bezirk durch das eigene Personal durchgeführt? Wenn ja, wie viele Leute umfasst das Team?
Die Straßenbaumkontrollen werden als sogenannte Bauherrenverpflichtung durch eigene Mitarbeiter des Fachbereiches Grün- und Freiflächen wahrgenommen. Die generellen Baumpflanzungen sowie Pflegemaßnahmen müssen durch entsprechende Beauftragung von Firmen erledigt werden. Sofortmaßnahmen, die auf Grund von Ereignissen wie Stürme, Verkehrsunfälle etc. oder durch Baumkontrollen erforderlich werden, sind auch weiterhin vordringliche Aufgabe
eigener Mitarbeiter des Fachbereiches, wenngleich dies zunehmend nur noch mit der Sicherung des Gefahrenbereiches einhergehen kann. Die Straßenbaumkontrollen und kleinere Sofortmaßnahmen werden derzeit von 4,5 speziell ausgebildeten Mitarbeitern des Fachamtes durchgeführt.
5. Mit welchen Mitteln wurden Straßenbaumpflanzungen im Jahr 2011 bezahlt? Wie hoch ist der jeweilige Anteil an bezirkseigenen Mitteln, Spendengeldern und Geldern aus Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen?
In 2011 wurden aus Mitteln der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen 42 Bäume gepflanzt. Diese Mittel ergaben sich aus 14 Fällungen, davon 11 aufgrund von Leitungsbauvorhaben und 3 neu zu bauenden Gehwegüberfahrten. Die Kosten hierfür sind nicht eindeutig zu ermitteln, da die zu den Ersatzmaßnahmen Verpflichteten, wie die Leitungsverwaltungen, die Beauftragung häufig selber vornehmen. Bezirkseigene Mittel sind für Neupflanzungen aus den jährlichen Ansätzen für die Grünunterhaltung nur in absoluten Ausnahmefällen einzusetzen. Es werden auch nur dann Pflanzungen in Neukölln durchgeführt, wenn sowohl die Anwachspflege als auch die erforderlichen Erziehungsschnitte finanziell sichergestellt sind. Ferner besteht noch die Möglichkeit, Neupflanzungen aus zweckgebundenen Spendengeldern zu finanzieren.
6. Wie hoch ist der jährliche Etat für die gesamte Grünflächenpflege im Bezirk? Wie viel wird hiervon für Straßenbaumpflanzung und -pflege verwendet?
Der jährliche Etat für die gesamte Grünunterhaltung wurde im Jahr 2011 auf 2.859.000,00 € festgeschrieben und liegt bei insgesamt 2.868.000,00 € für das Jahr 2012. Aus diesem Ansatz ergibt sich die Möglichkeit, für die Straßenbäume finanzielle Mittel in Höhe von 200.000,- € bereitstellen zu können. Dieser Ansatz reicht jedoch bei weitem nicht aus, die Verkehrssicherheit der Straßenbäume in Neukölln zu gewährleisten und natürlich erst recht nicht für eine gärtnerische Pflege, die die Vitalität deutlich verbessern könnte.
In 2011 wurden nur für die Straßenbaumpflege und Herstellung eines verkehrssicheren Zustandes insgesamt ca. 357.000 € ausgegeben. Dies beinhaltet keine Neupflanzungen und deren Pflege. Dies war nur durch die notgedrungene Schwerpunktsetzung und Mittelbereitstellung aus anderen Unterkonten und Titeln möglich. Für Neupflanzungen waren dementsprechend keine Mittel im originären Haushalt vorhanden. Alle Straßenbaumpflanzungen erfolgten in 2011 aus Mitteln der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen oder aus zweckgebundenen Spendengeldern.
6a. Welche zusätzlichen Mittel bzw. Personal würden sie jährlich benötigen, um die Defizite bei der Straßenbaumpflanzung und -pflege auszugleichen und das erforderliche fachliche Niveau nachhaltig zu sichern?
Die als fachlich begründete und dementsprechend für eine optimale Straßenbaumpflege notwendigen Mittel sind laut Fachausschuss Straßenbäume (bestätigt von Herrn Prof. Dr. Balder, Beuth-Hochschule) pro Straßenbaum etwa 81,- € für fachgerechte Pflanzung, Pflege und Fällung pro Jahr ermittelt worden. Dementsprechend bestünde für die knapp 20.500 Straßenbäume in Neukölln ein Finanzbedarf von ca. 1,66 Mio. € pro Jahr. Der Fachbereich Grün- und Freiflächen hat ermittelt, dass der Bezirk mit einem Gesamtvolumen von 800.000 € jährlich auskömmlich sein würde, um Vorhaben von durchzuführenden Standortsanierungen, das Anlegen größerer Baumscheiben, Baumschutz zu stellen, regelmäßiges Wässern und Düngen und alle sonstigen fachlich erforderlichen, pflegerischen Maßnahmen zu gewährleisten! In dieser Berechnung sind jedoch nicht die individuellen Kosten für Neupflanzungen enthalten. Der dementsprechend ermittelte Personalbedarf beträgt etwa 8 Vollzeitäquivalente.
7. Gibt es im Bezirk ein Schadmonitoring für Straßenbäume? Wie hoch ist der prozentuale Anteil des Gesamtbestands an den jeweiligen Zustandsbewertungs- bzw. Schadensklassen? Wie viel Prozent der Straßenbäume sind in ihrer Vitalität stark und sehr stark eingeschränkt?
Selbstverständlich gibt es auch durch die regelmäßigen Baumkontrollen ein „Schadmonitoring“ der Neuköllner Straßenbäume gemäß dem Hinweis des
Arbeitskreises Stadtbäume der GALK Deutschland. Es gibt die sogenannten Vitalitätsstufen 1 bis 5 (GALK 0-4), die in Neukölln immer noch relativ gut bei einem arithmetischem Mittel bei 2,54 liegt, was einer 1,54 der GALK-Einteilung entspricht. Dies ist insbesondere bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die Straße ein eher lebensfeindlicher Ort für einen Baum ist und nicht seinen natürlichen Lebensbedingungen und –erfordernissen entspricht.
8. Wie viele Straßenbäume verfügen über technische Schutzeinrichtungen des erdnahen Stammbereichs bzw. der Baumscheibe?
Im Fachbereich Grün- und Freiflächen wird, wie oben bereits ausgeführt, jeder Straßenbaum und zukünftig auch alle unter die Baumschutzverordnung fallenden „Anlagenbäume“ kontrolliert und die Ergebnisse und Maßnahmen dokumentiert. Darüber hinaus wird jedoch keine weitere Statistik geführt.
Technische Schutzeinrichtungen im Straßenland wurden entweder „historisch“, durch seinerzeit noch eigene Mitarbeiter angebracht oder „neu“ im Rahmen von Baumaßnahmen errichtet. Jeder Jungbaum bekommt ausnahmslos einen sogenannten „Baumbock“, der in erster Linie das Anwachsen sicherstellen soll, aber auch einen gewissen Anfahrschutz bietet.
8a. Wie hoch ist der prozentuale Anteil von 2011 durchgeführten Fällungen durch langfristige Schäden im wurzelnahen Bereich?
Da die Schäden an Bäumen meist vielschichtig und die fachlich fundierten Ursachen oft nur nach eingehenden Untersuchungen möglich sind, kann lediglich grob geschätzt werden, dass die wurzelnahen Schäden als Fällgrund höher als 30 % zu beziffert sind.
8b. Welche finanziellen Mittel hat der Bezirk im Jahr 2011 für besondere Schutzeinrichtungen von Stammfuß und Baumscheibe aufgewendet?
Eine konkrete Bezifferung ist nicht möglich. Aufgrund der angespannten Haushaltssituation konnten nur bei Neupflanzungen und beim Neubau von Grundstückszufahrten Schutzeinrichtungen realisiert werden.
Mit freundlichen Grüßen
Blesing
Bezirksstadtrat
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